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Gaspreis-Explosion: Wo Familien am meisten draufzahlen

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Der Preis für Erdgas hat sich seit dem vergangenen Oktober mehr als verdoppelt. Das trifft jetzt auch Privathaushalte. 61 Stadtwerke planen bereits teils saftige Preiserhöhungen für den Winter. Die Politik will helfen. Doch wahrscheinlich wird es erst im nächsten Jahr eine Entspannung geben.

Wer im bayrischen Memmingen sein Haus mit Erdgas heizt, der muss bald tief in die Tasche greifen. Zum 1. Dezember erhöhen die Stadtwerke dort den Preis für die Kilowattstunde Erdgas um rund 70 Prozent – je nach Verbrauch. Für einen durchschnittlichen Single-Haushalt auf 60 Quadratmetern bedeutet das Extra-Kosten von etwa 236 Euro im Jahr, eine Familie auf 100 Quadratmetern muss mit durchschnittlich 530 Euro mehr pro Jahr rechnen.

Die Memminger Stadtwerke sind die unrühmliche Ausnahme der Preiserhöhungen, aber kein Einzelfall. Laut dem Vergleichsportal Check24 planen 61 Anbieter bundesweit Preiserhöhungen in den kommenden Monaten. Im Durchschnitt liegen diese bei mehr als 12 Prozent. Betroffen sind 375.000 Haushalte.

Insgesamt werden in Deutschland 19,6 Millionen Wohnungenmit Erdgas beheizt. Das ist knapp die Hälfte aller Privathaushalte. Selbst diejenigen, die bisher nicht von einer Preiserhöhung betroffen sind, oder die gar nicht direkt Erdgas benutzen, werden durch den steigenden Preis in Mitleidenschaft gezogen. Denn weil Erdgas weiterhin europaweit ein wichtiger Bestandteil der Stromerzeugung ist, steigen mit dem Gaspreis auch die Strompreise. An der Leipziger Strombörse kostete die Megawattstunde diesen Monat durchschnittlich 155 Euro, 356 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.

In Frankreich, Spanien und Italien greift der Staat ein

Andere Staaten greifen deswegen mittlerweile in den Markt ein. Frankreich etwa setzte zuletzt einen Deckel auf den Gaspreis. Bis April darf er nicht mehr erhöht werden. Allerdings muss der Staat die Energieversorger für die dadurch entgehenden Einnahmen entschädigen. Spaniensenkt seine Stromsteuer zeitweise ab, in Italiengilt eine niedrigere Mehrwertsteuer auf Erdgas.

In Deutschland gibt es bisher keine konkreten Pläne. Das hängt auch damit zusammen, dass bei uns gerade die Regierung wechselt. Trotzdem will der noch amtierende Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eingreifen. Im Gespräch mit der „Bild“ kündigte er Gespräche mit den Fraktionsvorsitzenden im Bundestag an, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Möglich seien etwa eine frühere Senkung oder Streichung der EEG-Umlage oder eine Erhöhung des Wohngeldes, um einkommensschwache Haushalte zu entlasten. Die Preise wie in Frankreicheinzufrieren, schloss Altmaier aber aus.

Warum die Gaspreise so stark steigen

Die Gaspreise steigen dieses Jahr aus drei Gründen so enorm. Die ersten beiden haben mit der Corona-Krise und dem daraus resultierenden Spiel aus Angebot und Nachfrage zu tun. Das Angebot an Erdgas ist derzeit niedriger als sonst. Das liegt zum einen daran, dass manche Förderländer ihre Produktion drosseln mussten. In Norwegenetwa liegt die Gas-Förderung seit Juni unter den Prognosen, teilweise sogar unter den Vorjahreswerten. Auch Russlandfördert derzeit nicht so viel wie vor Corona. Dazu kommt, dass durch die niedrigeren Förderraten während der Corona-Krisedie Lager weltweit leerer sind als sonst. Förderländer nutzen ihr Gas jetzt also auch primär dazu, ihre eigenen Lager aufzufüllen, bevor sie es exportieren.

Das beißt sich mit einer weltweit deutlich gestiegenen Nachfrage. Die resultiert zum einen aus den erwähnten leereren Lagerstätten, die aufgefüllt werden wollen, zum anderen aber auch aus der wirtschaftlichen Erholung nach Corona, in der die Wirtschaft deutlich mehr Erdgas benötigt als zuvor geplant. Weil beides aktuell zusammenkommt – geringeres Angebot und gestiegene Nachfrage – explodieren die Preise.

Speziell in Europaspielt aber auch die Politik eine Rolle, im Speziellen die seit Januar geltenden CO2-Preise. In Deutschland etwa kostet jede Tonne CO2 25 Euro. Allein das, so schätzen Experten, erhöht den Gaspreis um 0,46 Cent pro Kilowattstunde. Das sind je nach Anbieter bereits zwischen fünf und zehn Prozent.

Während die CO2-Steuer in den kommenden Jahren stufenweise immer weiter ansteigen wird, dürfte sich die Lage zwischen Angebot und Nachfrage wieder entspannen. Die Heizsaison geht in Mitteleuropa üblicherweise bis Mitte April, weswegen ab Mai mit sinkenden Gaspreisen zu rechnen ist. Im Sommer könnten Energieversorger ihre Lager für den Winter 2022/23 dann günstiger auffüllen als aktuell. Ob sie die Preisreduktionen dann aber umgekehrt genauso an ihre Kunden weitergeben, wie jetzt die Erhöhungen, bleibt abzuwarten.